Max Beckmann

Departure

Sonderausstellung
Pinakothek der Moderne | Kunst | Saal 21-26
25.11.2022  ‐  12.03.2023

Eröffnung | 24. November 2022, 19.30 | Eintritt frei

Aufbruch und Reise als existentielle Grunderfahrungen stehen erstmals im Mittelpunkt einer Max Beckmann gewidmeten Ausstellung. Sein Leben war geprägt durch tragische Erfahrungen von Krieg und Entwurzelung, von Transit und Exil, aber auch von mondänen Urlaubsreisen, von Freiheitsdrang und Reisesehnsucht - inspiriert durch Lektüre und Mythos. Seinem ersten Triptychon verlieh Beckmann den vieldeutigen Titel DEPARTURE, der namensgebend für diese groß angelegte monografische Sonderausstellung ist.

Etwa 70 Leihgaben aus bedeutenden privaten und öffentlichen Sammlungen in Europa und den USA, unter anderem die Triptychen Departure (Museum of Modern Art, New York) und Argonauten (National Gallery of Art, Washington D.C.), darüber hinaus Meisterwerke aus dem Saint Louis Art Museum sowie u.a. dem Städel Museum, Frankfurt am Main, der Hamburger Kunsthalle, dem Von der Heydt-Museum Wuppertal oder dem Museum der bildenden Künste Leipzig, zeigen die enorme Bandbreite der Bildmotive und -ideen des Reisens und ergänzen den größten europäischen Gemäldebestand Beckmanns, der sich in der Sammlung Moderne Kunst befindet.

Mithilfe der 2015 erfolgten Schenkung der Familiennachlässe des Malers an das Max Beckmann Archiv der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen können erstmals auch zahlreiche unbekannte Materialien und Dokumente wie Fotoalben, Einreisepapiere, Ansichtskarten und Filme präsentiert werden. Sie ermöglichen einen neuen und aktuellen Blick auf den prominenten Künstler und die Privatperson Max Beckmann und damit eine in dieser Zusammenschau nur in München realisierbare Ausstellung.

Befreiung und Lust, Sehnsucht und Melancholie, Sorge und Angst: Diese ambivalenten Empfindungen äußerer und innerer Aufbrüche prägen unsere Zeit der rastlosen Bewegung, des weltumspannenden Arbeitsmarkts, der Kriege, Vertreibung und Migration. Als die Pandemie das Reisen vorübergehend unmöglich machte, rückte seine Bedeutung mit Nachdruck in unser Bewusstsein. Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bedeuteten Situationen des Aufbrechens nicht nur Genussmomente, sondern existenzielle, durch zwei Weltkriege und zahllose Krisen ausgelöste Notwendigkeiten, die auch mit dem Verlust von Heimat, Familie und Sprache einhergingen. Max Beckmann zählte zu den bildenden Künstler:innen, die in ihrem Werk sowohl freud- wie auch leidvolle Erfahrungen des Reisens auf unvergleichliche Weise thematisiert haben.

Aus den Besonderheiten der motivischen und materiellen Quellen heraus wurde gemeinsam mit der Gestalterin Juliette Israël eine spezifische Ausstellungsszenografie entwickelt.

Kuratiert von Oliver Kase und Christiane Zeiller mit Sarah Louisa Henn

Medienpartner: 
ARTE
Süddeutsche Zeitung

Eintrittspreise

Ticket Sonderausstellung

Sonntags 10 €

10

ermäßigt 7 €

Ticket Sonderausstellung und gesamtes Museum

Sonntags 11 €, ermäßigt 8 €

15

ermäßigt 10 €

Ticket Sonderausstellung für Inhaber:innen des 12-Euro / 5 Museen-Tagestickets

Sonntags nicht erhältlich

5

ermäßigt 3 €

Begleitprogramm

Im Rahmen eines umfangreichen Vermittlungs- und Veranstaltungsprogramms werden Lesungen und Konzerte in der Ausstellung stattfinden. In Kooperation mit „Kino der Kunst“ wird ein Programmkino, ausgehend von Beckmanns eigenen Kinobesuchen, entwickelt. Migrations- und Identitätsfragen bilden die thematische „Departure” für eine Kooperation mit YouthNet, einem interkulturellen Jugendnetzwerk. In der für die Pinakothek der Moderne neu entwickelten Ausstellungs-App werden zahlreiche Expert:innen aus verschiedenen Bereichen zu Wort kommen. 

Max Beckmann - Ein Reisender

Dokumentation von Nicola Graef, ARTE/ZDF 2022, Kurzfassung: 36 Min.

Gesamtfassung 52 Min.
Ausstrahlung auf ARTE: SO 04.12. | 11.25 Uhr | auf arte.tv bis 01.06.2023

Die acht Ausstellungskapitel | Saaltexte

MAX BECKMANN, Departure, 1932-35 | Museum of Modern Art, New York © 2022. Digital image, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence
MAX BECKMANN, Departure, 1932-35 | Museum of Modern Art, New York © 2022. Digital image, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence

Max Beckmann brach 1932 mit seinem Werk Departure zu neuen Ufern auf. Im sakralen Bildtypus des Triptychons wandte sich der Maler nun monumentalen Figuren aus mythologisch-christlichen Bildwelten zu. Das aus drei Leinwänden bestehende Gemälde kontrastiert Szenen einer dunklen Welt des Schreckens und der Gewalt mit der hoffnungsvollen Schifffahrt auf das offene, helle Meer im Zentrum. Das Triptychon entstand während der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der beginnenden Diffamierung Beckmanns als „entarteter Künstler” 1932/33 in Frankfurt und Berlin. Zehn Jahre später wurde es vom Museum of Modern Art in New York erworben, Beckmann verlieh ihm den englischen Titel Departure. Während es den Ruhm des deutschen Künstlers in Amerika begründete, saß Beckmann noch im Amsterdamer Exil fest. Erst 1947 konnte er selbst mit dem Schiff in die USA ausreisen und betonte: „diese Abfahrt werde ich nur einmal in meinem Leben haben“. Die Idee der Schiffsreise blieb für Beckmann eng verknüpft mit der Heldenreise des antiken Mythos, in der sich der moderne Künstler mit seinen Erfahrungen der Entwurzelung und des Exils spiegelt.

Max Beckmanns Leben war immerfort „in Transit“: im Übergang zwischen Abfahrt und Ankunft, zwischen Urlaubszielen, Wohnorten, Reisen an erinnerte oder nie gesehene Orte, der Verzweiflung über das Dies- und dem Fantasieren über das Jenseits. Die Moderne lieferte neue Transitorte und Transportmittel, Passagen und Portale, die ihre Passagiere von einem Ort an den anderen schleusten. Max Beckmann widmete sich in Gemälden und Grafiken diesen Transitorten wie Flughäfen, Bahnhöfen, Häfen und Hotels sowie Ausblicken aus Transport- und Verkehrsmitteln wie Autos, Zügen oder Schiffen. Aus seinen Werken spricht die Ambivalenz des Unterwegsseins und der Schnelligkeit des Großstadtlebens zwischen Romantik und Entfremdung. Bilder von Transitorten, in denen er sich vermeintlich unpolitisch einer Landschaft widmet, verweisen subtil auf Zeitgeschehen und Gemütslage des Künstlers. Die nationalsozialistische Kulturpolitik zwang Quappi und Max Beckmann ins Exil, Amsterdam war dabei zunächst als Transitort geplant, ein Provisorium, das jedoch über zehn Jahre andauern sollte, da die Emigration in die USA kriegsbedingt unmöglich wurde. Im holländischen Exil malte Beckmann Bilder aus der Erinnerung und anhand von Ansichtskarten und Fotografien. Seine Tagebücher, Korrespondenzen, Anträge und Passpapiere erzählen von dieser Transit-Biografie sowie der kollektiven Erfahrung von Verlust, Dislokation und vom Leben in der Passage.

Max Beckmann, Blick aus der Schiffsluke, 1934
Max Beckmann, Blick aus der Schiffsluke, 1934

Über mehr als vier Jahrzehnte spielte das Fenster als Bildmotiv eine zentrale Rolle für Max Beckmann. Das Fenster bildet eine Schwelle zwischen Innen- und Außenraum, Heimat und Fremde, zwischen vertrauter Nähe und ersehnter, erinnerter oder auch bedrohlicher Ferne. Wie kaum ein anderer Künstler der Moderne entwickelte Beckmann das Fensterbild mit seinen zahlreichen kompositorischen und symbolischen Aspekten zu einem Leitmotiv seines Werkes.

Beckmann nutzte das Fenster für den mannigfachen Blick vom Innen- in den Außenraum, bisweilen allerdings auch für den entgegengesetzten Blick von außen nach innen; in Hotel- und Schaufenster oder in eine Schiffskabine hinein.

 Im Kontext seiner realen und imaginären Reisen entfalten die Fensterbilder ihr volles Potenzial. Die Ausstellung präsentiert eine Reihe von Ausblicken aus Beckmanns Wohnungen in Frankfurt, Paris oder Berlin – vorübergehenden Orten der Heimat. Davon zu unterscheiden sind Fensterdarstellungen, die auf seine Urlaubsreisen und auf Ausblicke aus Hotelzimmern in Scheveningen, Neapel, Nizza oder Marseille zurückgehen. Eine weitere Gruppe experimenteller Fensterbilder suggeriert rastlose Mobilität, indem sie die Fenster von Transportmitteln – Automobil, Zug oder Schiff – wiedergibt.

Das Meer war für Max Beckmann zeit seines Lebens ein Ort der Sehnsucht, der künstlerischen Inspiration und Erholung, bot ihm Anlass zur Reflexion über Zeit und Raum und zum Aufbruch in neue, unbekannte Welten. Seine enge Beziehung zum Meer zeigt sich in vielen bildlichen Darstellungen des Meeres, die Faszination für den scheinbar unendlichen Raum spiegelt sich aber auch in vielen Büchern seiner Bibliothek über urzeitliche Meere, fossile Lebewesen oder die Lage des sagenumwobenen Inselreichs Atlantis.

Die See wurde als Ort der Erholung erlebt, als Gegenpol zur Großstadt. War in den frühen Jahren seiner Karriere vor allem die Nord- und Ostsee Gegenstand seiner Bilder, wandte Beckmann sich später verstärkt dem Mittelmeer zu, das er als Tourist und Flaneur erlebte. Während seines Exils in Amsterdam, als der Maler nicht mehr reisen konnte, entstanden zahlreiche Côte d’Azur- und Rivieralandschaften nach Fotografien und Ansichtskarten. Sie dienten als Sehnsuchtsbilder, als Fenster in eine sonnendurchflutete mediterrane Welt. Gleichzeitig fand während dieser Jahre wiederholt der bedrohliche Aspekt des Meeres, seine Urgewalt und Gefahr ihren Niederschlag in Beckmanns Werk.

Max Beckmann, San Francisco, 1950
Max Beckmann, San Francisco, 1950

Max Beckmann war ein leidenschaftlicher Großstadtmensch, er lebte in Frankfurt am Main, Berlin und Paris, im Exil in Amsterdam und in den USA schließlich in St. Louis und New York. Urlaubsreisen führten ihn unter anderem nach Nizza, Neapel und San Francisco. Die Stadt war für den Künstler und Flaneur Beckmann der Schauplatz des menschlichen „Welttheaters“ und eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Mit Hotels, Bars, Restaurants, Varietés und Kinos war die Großstadt für Beckmann zudem der ideale Ort des nächtlichen Vergnügens und der gedanklichen Zerstreuung.

Die eleganten Hotels an mondänen Urlaubsorten und in den Metropolen entwickelten sich in dem von Weltkriegen, Exil und Migration erschütterten 20. Jahrhundert zu neuen Stätten der sozialen Begegnung und Interaktion. Im Mikrokosmos des Hotels fanden elegante, verzweifelte, vergnügungssüchtige oder gestrandete Menschen eine vorübergehende Heimat. Der theatrale Charakter des Hotels mit seinen sozialen Kontrasten und Inszenierungsmöglichkeiten durch Spiegel, Türen, Treppen, Auf- und Abgänge regten Beckmann zu seinem Drama Das Hotel an – einem von drei Texten, in denen sich der Maler als Dramatiker versuchte. Auch in seinen Kunstwerken ließ Beckmann dieses „große Menschenorchester“ in immer neuen Besetzungen aufspielen und „Kummer und Champagner“ („sorrow and champagne“) aufeinandertreffen, wie es Beckmanns Kunsthändler Israel Ber Neumann beschrieb.

Max Beckmann war ein begeisterter und regelmäßiger Kinogänger. Er besuchte Kinos nachweislich in Frankfurt, Berlin, Paris, im Exil in Amsterdam sowie in St. Louis und New York. Die großen Bildprojektionen im Dunkel des abendlichen Kinosaals bedeuteten für den Maler Zerstreuung und Entspannung, nachdem er von der stundenlangen, kräfteraubenden Arbeit an einem Kunstwerk physisch ausgezehrt und psychisch extrem angespannt war. Von der Leinwand im Atelier wechselte er zum bewegten Bild im Kino, vom Produzenten eigener Bilder zum passiven Konsumenten. Beckmann sah Filme unterschiedlichster Genres, darunter romantische Filme, Komödien mit Hans Moser, Slapstick mit Stan Laurel und Oliver Hardy, Dramen, Historienfilme, Thriller und Krimis. Sein Gemälde Filmatelier von 1933 kombiniert Filmkulissen einer Winterlandschaft mit Aufnahmeszenen, nachdem der Maler durch Vermittlung Heinrich Georges zuvor die UFA-Studios in Babelsberg besucht hatte.

 Bereits seit Ende der 1920er Jahre filmte das Ehepaar Beckmann mit einer Handkamera auch selbst. Die kleinen, circa zwei Minuten Filmmaterial fassenden Spulen wurden auf dem erhaltenen Projektor abgespielt und bieten uns heute private Einblicke in Reisen und Freizeitaktivitäten von Quappi und Max Beckmann.

Zu seinen weitesten und komplexesten Reisen brach Max Beckmann in seinem Atelier auf. Immer wieder war er als enthusiastischer Leser ein durch Raum und Zeit reisender „armchair traveler“, der philosophische, theologische und naturwissenschaftliche Schriften konsultierte, um die Ursprünge der Welt, der Menschheit und ihrer Kulturen zu erforschen. Bereits in den 1920er-Jahren inszenierte Beckmann das Atelier des Künstlers als geheimnisvoll-verborgenen Ort des Schaffens und mithin sich selbst als Astronomen, Magier oder Alchemisten, der in seinem Labor eigene Welten erschafft. Neben der Lektüre wurden Beckmanns imaginäre Reisen durch Artefakte außereuropäischer Kulturen stimuliert, die er zwar ohne systematisches oder kennerschaftliches Sammelinteresse, doch mit kontinuierlicher Verbundenheit in seinen Wohnungen und Ateliers platzierte. Dort erhielten sie eine neue Funktion: Mit magischer Wirkung aufgeladen konnten sie den Maler in andere Zeiten und Räume befördern, quasi als ‚Steigbügelhalter‘ seiner künstlerischen Einbildungskraft, hinein in Welten, die sich zuweilen den Gesetzen der Evolution und Geografie entziehen.

Am 26. Dezember 1950, am Tag vor seinem Tod, vollendete Max Beckmann sein neuntes Triptychon, das sich grundlegend mit Fragen des künstlerischen Schaffens und des Strebens nach Erkenntnis beschäftigt.

Ein Traum bewog Beckmann dazu, das Gemälde erst wenige Tage vor seinem Tod von Die Künstler in Argonauten umzubenennen. Damit schuf er einen deutlichen Bezug zu den Helden der griechischen Mythologie, die mit dem Schiff Argo auf die Suche nach dem Goldenen Vlies aufbrachen. Aufbruch, Suche und Ankunft bilden in diesem Triptychon den Bogen, der sowohl Beckmanns Biografie als auch sein künstlerisches Lebenswerk umspannt. Das frühe Hauptwerk der Jungen Männer am Meer von 1905 tritt nun in Dialog mit den beiden Aktfiguren auf dem Mittelbild seines letzten Werks. Das Triptychon weist den Weg zum Ziel von Beckmanns künstlerischem Streben, die Verheißung einer höheren Bewusstseinsebene, die jegliche irdische Mühsal hinter sich lässt.

Die Ausstellung wird gefördert von

Herbert Schuchardt-Stiftung 
Ernst von Siemens Kunststiftung 
PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne e.V. 
Theo Wormland-Stiftung 
Vestner Aufzüge 
Rudolf August Oetker-Stiftung 
DJE Kapital AG 
Adelhaid Winterstein